Extravision vs. Introversion — Wie sich die Persönlichkeit auf unseren Job auswirken kann

In zahlreichen Beiträgen und Interviews empfiehlt Jack Nasher, Gründer und Leiter des NASHER-Verhandlungsinstituts, in Verhandlungsgesprächen möglichst transparent und offen zu bleiben. Es gehe darum, so der mehrfache Buchautor, möglichst weder Angst noch Unsicherheit auszustrahlen.

„Eine Verhandlung ist kein Pokerspiel. Es ist wichtig, möglichst durchschaubar zu bleiben und mit offenen Karten zu spielen“, empfiehlt Prof. Dr. Jack Nasher. Kommunikation funktioniere dann am besten, wenn sämtliche beteiligten Parteien ihre jeweiligen Interessen klar und offen kommunizieren würden. Doch was, wenn Menschen eher introvertiert veranlagt sind und ihre eigenen Gedanken, Gefühle oder Ziele im Alltag, etwa im Beruf oder auch wichtigen Verhandlungsgesprächen, eben nicht so klar und offen kommunizieren wollen oder können wie extrovertierte Personen?

Extraversion vs. Introversion — ein Konflikt, der keiner ist

In vielen Ländern und Kulturkreisen der Welt gilt extrovertiertes Verhalten als Maßstab, als eine Art Ideal sowohl für das Privat- als auch das Berufsleben. Introvertierte werden in vielen Fällen, ob bewusst oder unbewusst, schnell nicht beachtet, ausgeblendet und als zu passiv, uninteressiert und / oder abweisend angesehen. Diese kritische Grundhaltung nahm und nimmt in einigen Kreisen solche Ausmaße an, dass introvertierte Menschen als „mangelbehaftet“ oder sogar psychisch krank gesehen werden.

In der Psychologie ist die Extraversion eine der fünf wesentlichen Grunddimensionen der menschlichen Persönlichkeit. Extrovertierte Menschen kommunizieren quasi durchgehend und sind dabei oftmals kaum zu übersehen oder zu überhören. Konferenzen und Meetings auf der Arbeit, nach dem Heimweg noch ein Smalltalk mit dem Nachbarn und der Postbotin, abends mit Freunden oder Kollegen noch in die Bar oder ins Fitnessstudio — viele Menschen lieben Extrovertierte und empfinden diese, oftmals auch unbewusst, als interessanter, aufregender, intelligenter und attraktiver.

Menschen, die viel nachdenken, meistens konzentriert sind, ihre Ruhe und Spaziergänge in der Natur vorziehen und abends lieber allein bleiben und Zeit mit Büchern, Games oder Filmen verbringen, die Small Talk vermeiden und selten, dafür umso intensivere und tiefere Gespräche führen, fallen dafür häufig negativ auf. Doch Introversion ist, entgegen vieler Vorurteile, im Vergleich zur Extravision keine „minderwertigere“ oder gar krankhafte Persönlichkeitsausprägung, sondern eben nur eine andere, welche zudem auch einige Vorteile im Privat- und Berufsleben mit sich bringen kann.

Introversion im Job — Alles andere als nachteilig

Gerade im Job können sich eher extrovertiert veranlagte Menschen oftmals besser verkaufen, treten gerade in Verhandlungssituationen selbstbewusster und auffälliger auf oder können oftmals einfacher vor großen Gruppen sprechen. Doch wie so oft im Leben kommt es auf die gesunde Mischung an, auch am Arbeitsplatz. Gerade wenn mehrere Extrovertierte anwesend sind und jeder seine Ideen und Methoden für die besten sowie wichtigsten hält, können eher introvertierte Menschen ihre Stärken ausspielen, von denen sie entgegen aller Vorurteile oftmals viele zu bieten haben.

Jack Nasher geht selbst in einem seinem YouTube-Video „Introvertierte können nicht verhandeln: stimmt das? — NASHER“ auf die Thematik und die Vorteile ein, mit denen introvertierte Personen regelmäßig zu kämpfen haben. „Du hast als Introvertierter ganz andere Stärken“, so Nasher. „Wenn Du extrovertiert bist, dann wirst Du sehr schnell als bedrohlich wahrgenommen. Als Introvertierter kannst Du sehr unverschämte Forderungen stellen, aber nicht als unverschämt wahrgenommen werden. Als ruhiger, zurückhaltender und netter Mensch wirst Du viel ernster genommen. Du musst nicht extrovertiert werden, um ein guter Verhandler zu sein — ganz im Gegenteil.“

Besonders introvertierte Vorgesetzte und Führungspersonen — im ersten Moment mag diese Kombination dezent widersprüchlich erscheinen — können mit einem gewissen Grad an Distanz und Zurückhaltung das große Ganze oftmals besser erkennen und die Vorschläge ihrer Mitarbeiter nicht direkt mit eigenen Anweisungen überstimmen. Sie erkennen gute Ideen anderer Personen schneller und pragmatischer an als Extrovertierte.

Introvertierte Vorgesetzte gelten zudem auch als bessere Zuhörer, Unterstützer und Förderer ihrer Angestellten. Schon im Studium zeigen eher zurückhaltende introvertierte Menschen oftmals bessere und beständigere Leistungen. Zudem lassen sie sich, ob privat oder im Job, seltener von sexuellen und sozialen Angelegenheiten oder Verlockungen ablenken.

Intro- und Extrovertierte — Besonders im Team zählt die Balance

„Trotzdem empfehle ich, wenn Du in einem Team bist: Arbeite mit jemandem zusammen, der anders ist als Du. Wenn Du introvertiert bist, suche Dir einen Extrovertierten — und umgekehrt. So entsteht ein Whole-Brain-Team, das die Dinge von allen Seiten beleuchten kann“, so Nasher bei YouTube. „Introvertierte sind zurückhaltender, ruhiger und nehmen sich die Zeit zu reflektieren, was unheimlich wichtig ist. Das sind erhebliche Vorteile, die Introvertierte haben.“ Letztlich kommt es also auf eine gesunde Balance an.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Introvertierte ebenso in Verhandlungen oder als Führungskraft behaupten können wie extrovertierte Menschen, wenn auch oftmals in ihren ganz eigenen Bereichen und mit individuellen Methoden. Letztere nehmen häufig sozial geprägte Führungsrollen ein, bei welchen viel und mit vielen Menschen kommuniziert werden muss. Introvertierte Personen streben dabei eher nach Führungspositionen in theoretischen oder künstlerischen Bereichen.

Introvertierte haben sich zudem, so Studien der Universität Leipzig, mit den durch Corona bedingten Lockdown-Beschränkungen oder der Homeoffice-Pflicht vieler Unternehmen wesentlich besser arrangieren können. Es zeigt sich also — eine extrovertierte Verhaltens- und Lebensweise muss nicht generell „besser“ sein.

Welche weiteren Folgen die weltweite Corona-Pandemie auf die Situation und das Verhandeln auf dem Arbeitsmarkt hatte und noch hat, ganz egal, ob Sie eher extro- oder introvertiert veranlagt sind, erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Jack Nasher ist führender Verhandlungsexperte, Autor, Wissenschaftler und Vortragsredner. Außerdem ist Nasher Leiter des NASHER-Verhandlungsinstituts.

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